| |
Schwieriger Beginn 1948 - Müttererholungsheim
Im Mai 1948 übernahm die Frauenhilfe der Kirchneprovinz
Sachsen die Burg in einem vollkommen heruntergekommenden Zustand
und so gut wie ohne Inventar. Noch wohnten viele Flüchtlinge
in der Burg, nur einige Räume im Südflügel konnten
als Gästezimmer frei gemacht werden.
Am 6. August 1948 wurde unter dem Vorsitz des Magdeburger Konsistorialpräsidenten
Hofmann das erste Kuratorium von Burg Bodenstein gebildet. Der
erste Vorsitzende des Kuratoriums1
war der Propst der Propstei Südharz,
Fritz Führ, späterer Generalsuperintendent von Berlin.
Er setzte als kirchlichen Verwalter Arthur Fendesack ein, der
die ersten Aufräumarbeiten auf der Burg organisierte. Die
Kirchenleitung beschloß zunächst die "Errichtung
eines Müttererholungsheimes". Die erste Heimleiterin
war Frau Elisabeth Hertel. Noch im August 1948 kamen die ersten
Gäste auf die Burg.
Schwester Ruth Misch
Am 15. Oktober 1948 übernahm die Diakonieschwester Ruth
Misch vom evangelischen Diakonieverein Berlin-Zehlendorf die
Leitung des Heimes. Mit unendlichem Einsatz organisierte sie
Ende November 1948 die erste große Flüchtlingserholung
für Frauen und Mütter. Unter welchen Bedingungen damals
diese Arbeit begann, ist heute kaum noch vorstellbar: in den
benachbarten Kirchgemeinden wurde Kochtöpfe, Geschirr,
Kerzen, Glühbirnen, Scheuerlappen, Seife und ähnliches
gesammelt. Pfarrer Schwarzer aus Wintzingerode nahm die Gardinen
im Gemeinderaum ab, um Tischdecken für den Speisesaal zu
spenden. Ungebeizte Stühle wurden aus einer Fabrik aufgetrieben.
Ratten und Viehzeug mußten aus dem Wohnbereich der kommenden
Gäste vertrieben werden. Und dann kamen nicht wie angemeldet
38 Frauen, sondern 50. Auf einfachen Decken und Strohmatten
wurden sie untergebracht. Schwester Ruth und die ersten Hausmädchen
schliefen auf dem Fußboden. Später wurde in der ganzen
Kirchenprovinz eine Spendenaktion von Bettfedern für Burg
Bodenstein durchgeführt. Lassen wir aus dieser Zeite eine
Teilnehmerin erzählen:
Ein Erlebnisbericht
Die meisten Frauen wollten zunächst nicht zu dieser Erholungsfreizeit,
denn sie hatten ja nichts, sollten aber Bettdecken und Besteck
mitbringen. Sie waren sehr müde. Von Worbis mußten
sie zu Fuß den Weg zur Burg (6 km) hochgehen. Der Weg
erschien unendlich lang. Ein Pferdefuhrwerk brachte das Gepäck
zur Burg. Viel Leid blickte aus den Gesichtern der Frauen, das
sich aber im Gespräch und im Erleben der Gemeinschaft allmählich
löste. Jeden Morgen wurde mit einem Lied geweckt und vor
dem Frühstück versammelte sich die ganze Burg- und
Hausgemeinde in der alten schönen Barockkapelle und holte
sich dort aus Gottes Wort Kraft für den Tag. Am ersten
Advent wurde mit einem Adventslied geweckt, auf jedem Nachttisch
brannte eine Kerze, das ganze Haus war festlich geschmückt
und nun fingen alle an, fröhlich zu sein. Am Tag gingen
die Mütter spazieren und sammelten Holz zum Kochen, der
Wald begann ja vor dem Burgtor. Das Wasser war knapp und mußte
aus der Zisterne geschöpft und von der Bornbergquelle geholt
werden. Oft versagte das Licht, es gab kein Telefon, kein Radio.
Umso mehr wuchs die Gemeinschaft zusammen. Als es hieß,
Abschied zu nehmen, waren alle voll Dank gegen Gott und die
Menschen im Haus. Alle Lasten erschienen nun leichter.2
Die Versorgung der Gäste mit guter und ausreichender Nahrung
war in den ersten Jahren ein Hauptproblem. Eine wichtige Hilfe
erfuhr Burg Bodenstein durch die Ökumene: der Lutherische
Weltbund organisierte über das Stuttgarter Hilfswerk Paket-
und Geldspenden speziell für Erholungs- und Genesungsheime
in Deutschland. Burg Bodenstein wurde voll in dieses Hilfsprogramm
mit einbezogen. Dadurch konnten die Pensionskosten für
die Gäste relativ niedrig gehalten werden. Sie beliefen
sich damals auf 2,50 Mark pro Tag und Person. Einiges wurde
auch durch Selbstversorgung abgedeckt: unter der Zugbrücke
wurde ein Schweinestall gebaut und 2-3 Schweine gehalten; ein
kleiner Hühnerhof entstand. Die Anträge, Land zur
Gemüseversorgung für die Burg zurückzugewinnen,
wurde von den staatlichen Stellen abegelehnt.
Evangelische Kirchenburg im Eichsfeld
1950 verließen die letzten Flüchtlinge die Burg und
nun konnte der alte Gedanke realisiert werden: am 3. April 1951
begann das erste Seminar der vordiakonischen Ausbildung für
junge Mädchen. Am 23. April 1951 wurde in einem großen
Festgottesdienst durch Bischof Ludolf Müller, Magdeburg,
Burg Bodenstein als "Evangelische Kirchenburg im Eichsfeld"
und in seiner Funktion als Müttererholungsheim und
vordiakonische Ausbildungsstätte eingeweiht.
Diene- und Lernjahr Vordiakonische Ausbildung
Neben Schwester Ruth leiteten Schwester Inge Jentzsch und Fräulein
Schwarzer und nach ihnen viele weitere Schwestern und freie
Mitarbeiterinnen der Kirche die Ausbildung und den Einsatz der
Mädchen in ihrem "Diene- und Lernjahr".3
Mit den Mädchen wurde die Haus- und Wirtschaftsarbeit für
das Müttererholungsheim getragen; zugleich wurden sie in
vordiakonischer Tätigkeit ausgebildet. Die wichtigsten
Fächer waren: Hauswirtschaft, Innere Mission und Diakonie.
Mit den Fächern Bibelkunde, Kirchengeschichte, Musik und
Chor, Deutsch und Literaturgeschichte versuchte man das Gegengewicht
einer breiteren christlich-humanistischen Bildung zur staatlichen
Berufsschule zu setzen, zu der die Mädchen auch gehen mußten.
Pfarrer Sommer aus Kirchohmfeld betätigte sich für
die Mitarbeiterinnen und Gäste der Burg viele Jahre lang
als Seelsorger aus dem Bodenstein, hielt regelmäßig
Gottesdienste und Andachten und unterrichtete die Mädchen
in Bibelkunde und Kirchengeschichte.
Der Tagesablauf sah für die Mädchen etwa so aus: 6.00
Uhr Wecken, Reinigungs- und Heizdienst im Haus (es mußten
täglich 20 - 30 Öfen geheizt werden!); 8:00 Uhr Morgenandacht
mit Bibelarbeit, anschließend Frühstück; vormittags
für Gruppe 1 Unterricht, für Gruppe 2 praktische Arbeit
in Küche, Haus und Garten; nachmittags Schlafpause und
Freistunde, dann Unterricht bzw. praktische Arbeit für
die Gruppen im Wechsel, nach dem Abendbrot Abwasch; abends meist
gemeinsames Zusammensein zum Basteln, Singen u.a. Es gab keine
Entlohnung oder Taschengeld, die Eltern mußten monatlich
50 Mark Ausbildungsgeld zahlen. Zu der Arbeit im Haus kamen
Praktikas bei "Pfelgeeltern" hinzu: Leben und Mithilfe
in größeren Familien der Kirchenprovinz.
Die Arbeit auf der Burg war schwer, besonders Wassertragen von
der Zisterne und von der Quelle und in die Waschkannen der Gästezimmer.
Erst 1953 wurde die Wasserleitung für den ganzen Ortsteil
Bodenstein verlegt und auch in der Burg installiert. Manchmal
beschwerten sich die Mädchen über die strenge Leitung
durch Schwester Ruth: sie übe "zuviel Zucht und
zeige zu wenig sichtbare Liebe".4
 |
| Diene- und Lernjahre
auf Burg Bodenstein |
Männer, außer dem Hausmeister und Kirchenobere,
wurden auf der Burg nicht geduldet. Dennoch gab es viele festliche
Höhepunkte im Haus, zum Beispiel beim jährlichen
Schlachten des Schweins und mancher Hühner, oder das
immer mit viel Eifer vorbereitete Faschingsfest der Mädchen,
an dem sie ihrer Phantasie und Freude freien Lauf lassen konnten.
Jährlich verließen die Seminaristinnen die Burg
zu einer Studienfahrt mit Besichtigungen, Theaterbesuchen
und zum Mitwirken bei besonderen kirchlichen Höhepunkten
in anderen Gemeinden.
In den späteren Jahren haben die Teilnehmer der vordiakonischen
Ausbildung - zum Beispiel bei den wiederholten Treffen der
"Ehemaligen" - immer dankbar an ihre Zeit auf der
Burg zurückgedacht; sie habe ihnen für ihr Leben
oft das Entscheidende gegeben.
In den Jahren 1951 bis 1971 wurden über 300 Mädchen
ausgebildet. Die meisten gingen später in diakonische
oder katechetische Berufe der Kirche. Mit der Einführung
der Zehnklassen-Schulpflicht 1968 meldeten sich immer weniger
Schülerinnen auf Burg Bodenstein. 1971 war es nur noch
eine Bewerberin. Daraufhin wurde die Arbeit des vordiakonischen
Seminares auf Burg Bodenstein eingestellt.
Bauliche Erhaltung der Burg in der DDR
Neben der Leitung des Müttererholungsheimes und der vordiakonischen
Ausbildung galt der ganze Einsatz von Schwester Ruth der baulichen
Erhaltung der Burg. Sie war ja seit 1890 nicht mehr grundlegend
renoviert worden und durch die Kriegs- und Nachkriegszeit
hatten sich empfindliche Mängel angesammelt. Die Renovierung
der Burgkapelle, die Sicherung der Planie- und Terrassenmauern,
der Außenstützpfeiler, der Einbau der Wasserleitung
und später der Zentralheizung, der Ausbau der Küche,
der Bau der neuen Schornsteine und vieles andere wurde durch
unermüdliche Bemühungen des Kuratoriums, besonders
des Vertreters des kirchlichen Bauamtes, Herrn Biebeler, unter
den äußerst schwierigen Bedingungen der DDR-Zeit
realisiert. Oft war es für die Beteiligten wie ein "Wunder
Gottes", daß bei meist laufenden Gästebetrieb
die Sicherungs- und Baumaßnahmen realisiert werden konnten.
Außergewöhnliches mußte durch Schwester Ruth
selbst bewerkstelligt werden. Fast jährlich riß
der Sturm große Löcher in das Dach. Schwester Ruth
stieg mit den Mädchen aus den Boden, umdie schlimmsten
Schäden zu beheben. Sie leitete den Katastropheneinsatz,
als 1972 ein Orkan Zweidrittel des Daches und ganze Teile
des Dachstuhles fortriß. Bei den Handwerkern der umliegenden
Ortschaften und manchen Funktionären war sie gefürchtet
und zugleich geachtet, weil sie unerbittlich Einsatz und Materialien
für die bauliche Sicherung der Burg verlangte.
 |
| Schwester Ruth
beim Unterricht |
Eine entscheidene finanzielle Stütze für die Arbeit
auf der Burg waren neben den bescheidenen Haushaltsmitteln
der Kirchenprovinz die großen und regelmäßigen
Spenden und Zuschüsse durch das "Gustav-Adolf-Werk".5
In besonders akuten Bausituationen, aber
auch um Pensionskosten für Erholungsfreizeiten zu tragen
oder sozial Schwache zu stützen, gab es immer wieder
Zuschüsse, die zum überwiegenden Teil durch Sonderkollekten
und Sammlungen in den Gemeinde aufgebracht wurden. Das Gustav-Adolf-Werk
hat in den Jahren von 1950 bis 1990 für Stützung
von Freizeiten auf Burg Bodenstein etwa 176.000 Mark, für
bauliche Aufgaben etwa 355.000 Mark und als Wirtschaftsbeihilfen
etwa 174.000 Mark aufgebracht. Das waren für die kirchlichen
VErhältnisse in der DDR-Zeit beträchtliche Summen.
Der Ortsteil Bodenstein
Zwischen der Burg und den Neusiedlern im Ortsteil Bodenstein
gab es anfangs ein etwas distanziertes Verhältnis. Schwester
Ruth konnte das durch das Angebot des sonntäglichen Kindergottesdienstes
in der Schloßkapelle nach und nach überwinden.
Manchmal kamen bis zu 50 Kinder. Alljährlich spielten
die Mädchen der "Diene- und Lernjahre" mit
den Kindern des Ortes kurz vor Weihnachten ein Krippenspiel,
das sich großer Beliebtheit erfreute und viele Menschen
auch aus der weiteren Umgebung anzog.
Prägende Persönlichkeit
Nach 28 Dienstjahren auf der Burg sah Schwester Ruth 1976
ihrem Ruhestand entgegen. Nach einer Nachfolgerin wurde Ausschau
gehalten. Bevor es aber zu einem geregelten Übergang
kommen konnte, verstarb Schwester Ruth ganz plötzlich
während ihres Urlaubs am 16.Juni 1976 im Alter von 63
Jahren. Schwester Ruth gehörte zu den Menschen, die durch
ihre starke Persönlichkeit und Willenskraft und von einem
tiefen Glauben getragen das Geschick der Burg anhaltend und
bis heute unvergessen geprägt haben.
Anmerkungen:
1 Ein Kuratorium ist das von der Kirchenleitung
eingesetzt leitende und begelitende Gremium einer größeren
kirchlichen Einrichtung. Langjährige Mitglieder des Kuratoriums
der Burg Bodenstein waren: Oberkonsistorialrat Dr. Schulz,
Magdeburg; Dr. Hohmann, Worbis; Superintendent Schultz, Heiligenstadt;
Frau Pohle, Ev.Frauenhilfe, Magdeburg; Direktor Kühn,
Diakonisches Amt, Magdeburg; Oberkonsistorialrat Wagner, Magdeburg;
Superintendent Lange, Heiligenstadt; Herr Biebeler, Kirchliches
Bauamt Worbis; die Pröpste von Nordhausen Führ,
Hoffmann, Stubbe und Jaeger als Vorsitzende des Kuratoriums.
zurück zum Text ->
2 So gibt Schwester Ilse Karwath eine Erinnerung
von Frau Wegner aus Heiligenstadt in ihrem schriftlichen Bericht
vom 28.5.1994 wieder. zurück
zum Text ->
3 Lange Zeit arbeiteten auf der Burg und
blieben bis heute bekannt z.B. Schwester Ingeborg Jentzsch
von 1951-1959, Schwester Ruth Helene Müller von 1960-1976
und Schwester Ilse Karwath von 1961-1977. zurück
zum Text ->
4 So nach einem Protokoll des Kuratoriums.
zurück zum Text ->
5 Das "Gustav-Adolf-Werk" ist
ein kirchliches Hilfswerk, das sich durch Geld- und Sachspenden
seit 1832 für evangelische Gemeinden und Einrichtungen
einsetzt, die in der "Diaspora", also in der Minderheit
und in Armut leben. zurück
zum Text ->
Text entnommen aus:
aus: Heinrich Jobst Graf von Wintzingerode, Bernd Winkelmann,
Rita Gaßmann, Die Burg Bodenstein im Eichsfeld - Geschichte
und Gegenwart, Duderstadt 19962, S. 54-60.
|
|